Historie

Geschichte der Braunschweiger Leichtathletik

Johannes Runge, der Braunschweiger Pädagoge und Teilnehmer an den olympischen Spiele von 1904 in St. Louis, war es, der 1913 den Vorsitz der fünf Jahre zuvor gegründeten Deutschen Sportbehörde für Athletik (DSBfA, Vorgänger des DLV) übernahm und mithalf, für die ursprünglich unter dem Banner der deutschen Turnerschaft organisierte Leichtathletik ein eigenes Verbandswesen auf- und auszubauen.

Auch im Wettkampfbetrieb waren Braunschweiger in der Gründerzeit gut vertreten. Noch vor dem ersten Weltkrieg wurde der Einträchtler Erich Zimmermann deutscher Meister im Speerwurf und sein Vereinskamerad Hermann Sonnenberg gewann 1919 in Nürnberg den nationalen Titel im 10.000-Meter-Lauf. Zu den Fußnoten unseres Sports gehört es, dass noch über einen längeren Zeitraum hinweg parallel zu den Veranstaltungen des neuen Verbandes auch die in heftiger Konkurrenz zu diesem stehende deutsche Turnerschaft leichtathletische Meisterschaften durchführte, bei denen der MTVer Walter Beusch 1926 zu nationalen Titelehren kam. Rudolph Harbig, der herausragende und viel zu früh verstorbene Leichtathlet der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wurde 1940 – und damit ein Jahr nach seinem epochalen Weltrekord über 800 Meter – als Soldat von Dresden nach Braunschweig verlegt und gewann im Dress der Eintracht den deutschen Meistertitel.

Rudolf Harbig 1913-1944

 

Der Wiederaufbau des Verbandswesens nach dem zweiten Weltkrieg ist eng mit dem Namen Walter Weiß verbunden. Der langjährige Vorsitzende des Kreis- und Niedersächsischen Leichtathletik-Verbandes war Mitglied der Freien Turner. Es ist gewiss kein Zufall, dass deren hübsch gelegenes Stadion im Prinzenpark am 31. Juli 1963 Austragungsstätte des Frauen-Länderkampfes Deutschland-USA war. 12.000 Zuschauer traten sich auf den rappelvollen Stehplätzen gegenseitig auf die Füße, um die mythenumwobene Sprint-Olympiasiegerin Wilma Rudolph und die deutschen Vorzeigeathletinnen Jutta Heine, Liesel Westermann und Ingrid Mickler-Becker zu erleben.

Bereits in den fünfziger Jahren trugen sich Braunschweiger Sportlerinnen in die Rekordlisten des nationalen Verbandes ein. Lange bevor Dick Fosbury den Hochsprung mit der nach ihm benannten Technik in neue Höhen führte, sprang die Olympiateilnehmerin von 1956 und EM-Vierte 1958 Inge Kilian (Eintracht) mit 1,69 Metern so hoch wie keine DLV-Athletin zuvor. Gudrun Scheller (Eintracht) verbesserte den Weitsprungrekord 1959 auf 6,22 Meter. Heinz Oberbeck (MTV) wurde DLV-Meister im Weit- und Dreisprung und EM-Vierter im Zehnkampf 1954 in Bern.

Dass im Prinzenparkgebiet 1966 ein weiterer Länderkampf stattfand, hat sich weniger ins Gedächtnis der Leichtathletik-Gemeinde eingegraben. Der Geherhochburg Braunschweig mit ihren Top-Athleten Rudi Lüttge und Heinz Thomanske war es geschuldet, dass auf den dortigen asphaltierten Wegen ein Vergleichskampf mit Schweden ausgetragen wurde.

In den frühen sechziger Jahren erlebte die Leichtathletik in Braunschweig einen regelrechten Boom. Die Großvereine MTV, Eintracht und PSV starteten bei den deutschen Mannschaftsmeisterschaften (DMM) bei Männern, Frauen, männlicher und weiblicher Jugend mehrfach nacheinander in der nach Anzahl an Disziplinen aufwendigsten Wettkampfklasse und belegten landesweit mehrere Spitzenplätze.

Der deutsche Hallen-Meistertitel des MTV-Sprinters Hans-Georg Teisner 1972 war das Glanzlicht der sich bereits zu diesem Zeitpunkt in rapidem Abschwung befindlichen Braunschweiger Leichtathletik. Nicht nur in unserer Stadt verdrängten neue Trends Teile des klassischen Sports.

Die als Zuschussgeber wichtige Stadtverwaltung stand Pate, als 1970 erstmals aus mehreren miteinander konkurrierenden, dabei aber schwächelnden Clubs eine starke Leichtathletik-Gemeinschaft Braunschweig (LG Braunschweig) gebildet werden sollte. 1975 wurde die Koalition beendet. Der zweite Versuch, 1977 auf Initiative des Walter Weiß-Nachfolgers Otto Schlieckmann gestartet, war dann von Dauer. Die LG Braunschweig ist inzwischen eine der ältesten Leichtathletik-Gemeinschaften Deutschlands. Die Vorgänger des seit 2011 amtierenden LG-Vorsitzenden Tobias Pollmann waren „Pit” Haremza (1975 bis 1982), Karl-Heinz-Rienäcker (bis 1993), Wolfgang Krake (bis 2005) und Günter Buchheim.

Melanie Paschke (MTV) wurde im Dress der LG vielfache DLV-Meisterin im Sprint und Vizeeuropameisterin in der Halle, ehe sie nach Wattenscheid wechselte. Langsprinter Kai Karsten (Eintracht) und die vielfache DLV-Meisterin und Vize-Europameisterin im Marathonlauf Luminita Zaituc (MTV) vertraten Deutschland bei Olympischen Spielen. Neben Melanie Paschke verließ auch die später zur Weltklasse zählende Kugelstoßerin Stephanie Storp die LG. Sie erhielt in Wolfsburg die Unterstützung, die man ihr in Braunschweig nicht bieten konnte. Seit den neunziger Jahren gibt es auch die umgekehrte Tendenz. Läufer der nationalen Spitze wechseln nach Braunschweig in ein LG-internes Laufteam, in dem sie durch den inzwischen eigens dafür geschaffenen gemeinnützigen Verein „Freunde und Förderer des Laufteam Braunschweig“ unterstützt werden. Straßenläufer Carsten Eich, der früh verstorbene Mittelstreckler René Herms und Sören Ludolph stehen als Beispiel für auswärtige Athleten, die zahlreiche DLV-Titel nach Braunschweig geholt haben. Nach langem Dornröschenschlaf ist inzwischen auch die Leichtathletik im PSV Braunschweig erwacht. Seine Nachwuchsarbeit im Schülerbereich brachte die LG auch in diesem Segment landesweit nach vorne. Lara Groenewold wurde 2011 DLV-Meisterin im Siebenkampf und gewann mit Larissa Beyersdorff und Jennifer Seidel auch den Mannschaftstitel.

Die Ausrichtung der DLV-Meisterschaften 2000, 2004 und 2010 haben die im Kreisverband engagierten Kräfte bis an die Grenzen gefordert. Weitere Großveranstaltungen in Braunschweig sind angedacht. Den Kreisvorsitz bildet eine aus Anne-Kathrin Eriksen und Agathe Schlieckmann bestehende Doppelspitze. Sie trat 1996 die Nachfolge der Herren Walter Weiß, Otto Schlieckmann, Wolfgang Stennert und Wolfgang Wolf an.

Berni Bröger